Wahrheitssuche unter Asche und Schutt
Experte für Brandermittlung informierte die Wehren des Gemeindeverwaltungsverbands
Neckartenzlingen und warb um Unterstützung
NECKARTAILFINGEN. Wenn ein Feuer ausbricht und Menschen und Sachwerte in Gefahr bringt,
dann stellt sich schnell die Frage nach dem Warum: Mit wie viel Aufwand die Ursachen
von Bränden von der Kriminalpolizei aufgeklärt werden, darüber informierte nun
Brandermittler Christian Coqui rund 80 Wehrmänner aus den Gemeinden des
Verwaltungsverbands Neckartenzlingen – und der Experte warb zugleich um die Mithilfe
der Floriansjünger bei seiner Arbeit, die diese früher als gedacht in die Tat umsetzen
konnten.
RALPH GRAVENSTEIN
Wohl kaum einer der Feuerwehrangehörigen hätte sich träumen lassen, dass so schnell das
neue Wissen aus diesem Informationsabend in der Praxis angewendet werden müsste: Doch der
jüngste Brandfall in Neckartailfingens Bahnhofstraße, bei dem in der Nacht zum Samstag
ein Wohnhaus schwer beschädigt worden war (wir berichteten), erwies sich schnell als
klassischer Fall für eine kriminalistisch genaue Ermittlung der Brandursache. Denn ein
konkreter Auslöser bei dem Schwelbrand war für Floriansjünger und Polizei vor Ort auf
den ersten Blick nicht zu finden.
So war es für die nun ermittelnden Beamten der Kriminalpolizei fast schon ein Segen,
dass erst am Donnerstag vergangener Woche Christian Coqui vom Kriminaltechnischen Institut
des Landeskriminalamts Stuttgart auf Einladung von Neckartailfingens Wehrkommandant
Gerd-Uwe Hecke rund 80 Wehrleute informierte: Coqui zeigte im Saal der Feuerwehr
Neckartailfingen anschaulich auf, was beim Löscheinsatz beachtet werden sollte, um
wertvolle Spuren zu erhalten, die bei der Aufklärung von Brandursachen helfen können.
„Gerade in kleineren Gemeinden meinen es die Feuerwehrleute nach dem Löschen zu gut und
gehen den Geschädigten mit Schaufel und Besen zur Hand, um gleich nach dem Löschen Asche
und Trümmer zu beseitigen“, so Coquis Erfahrung. Doch mit dem Schutt landen auch Spuren
im Abfallcontainer, die Auskunft darüber geben könnten, warum ein Feuer überhaupt
entstanden ist. „Im schlimmsten Fall bewegen Sie sich bei einem Löscheinsatz am Tatort
eines Verbrechens“, so der Kriminalbeamte und Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr
Esslingen.
So sei jede unnötige Veränderung am Brandort vor dem Eintreffen der Brandermittler
unter Umständen eine verwischte Spur, die beileibe nicht nur eine Brandstiftung
aufklärbar machen könnte: „Wir hatten schon einmal den Fall, dass beim Aufräumen
eines ausgebrannten Kellers durch die hilfsbereite Feuerwehr eine verbrannte Leiche
aufgefunden worden war, die mehrere Stichwunden aufwies. So wurden durch das Wegräumen
von Schutt und Asche nicht nur wichtige Hinweise auf den Täter zerstört, die Wehrleute
mussten auch in einer aufwändigen Prozedur, auch gentechnisch, erfasst werden, um ihre
DNS-Spuren am Tatort von eventuellen Spuren des Täters unterscheiden zu können.“
Freilich sah Coqui auch die Problematik der Hilfskräfte, denen es am Brandort darum geht,
Menschenleben und Sachwerte zu schützen. „Sie konzentrieren sich beim Löschen darauf,
Leben zu retten und Werte zu erhalten – für uns Brandermittler kommt es jedoch auch
darauf an, ein möglichst genaues Brandentstehungsbild zu bekommen“, so der Sachverständige.
Dabei könne es durchaus sein, dass es viel nützen würde, die eigentlich nicht so
wertvolle Scheuer als Brandentstehungsort auch zu löschen, obwohl sich die Feuerwehr
beim Löschen naturgemäß eher auf ein daneben stehendes Wohnhaus konzentriere, um größere
Sachschäden zu vermeiden. „Für uns ist eben wichtig, die Stelle genau eingrenzen zu
können, wo es losging“, so Coqui. Denn dies würde die Ermittlungsarbeit ungemein
erleichtern: So fiele etwa die Suche nach Kurzschluss-Spuren leichter, die teilweise
nur als millimeterkleine Schmelzspuren an verbrannten Kabeln zu finden seien. „Wenn man
solche winzigen Hinweise sucht, ist jeder Meter, den man nicht absuchen muss, eine große
Hilfe.“
Wie akribisch die Arbeit zur Brandermittlung zum Teil ist, machte Coqui an einem
Fallbeispiel deutlich: So habe er mit einem Kollegen einen Wohnhausbrand untersucht
und nur auf Grund winziger Schmelzspuren an einer verbrannten Elektroleitung und in
einem völlig verkohlten Waschmaschinen-Thermostat die Brandursache „technischer Defekt“
beweisen können. Dazu bedurfte es allerdings auch etlicher Untersuchungen, die mit
Röntgengerät, viel Fingerspitzengefühl und technischem Wissen zum Ergebnis führten.
„Ein wenig Staub und Feuchtigkeit hatten dafür gesorgt, dass der ansonsten einwandfreie
Thermostatanschluss einen Lichtbogen erzeugte – das war die Ursache des Feuers“,
so Coqui, der an einem baugleichen Teil den Brandausbruch sogar simuliert hatte, um sein
Gutachten zu stützen.
Die Floriansjünger aus Neckartailfingen, Neckartenzlingen, Altdorf, Altenriet, Bempflingen
und Schlaitdorf zeigten sich nicht nur von der Akribie beeindruckt, mit der die oft
rätselhaften Ursachen von Bränden aufgeklärt werden. Sie beherzigten auch die Hinweise
des Kriminalbeamten in der Praxis und ließen den Ort des ersten Brands nach diesem
Informationsabend so unverändert wie nur möglich.
Quelle: Nürtinger Zeitung 02.02.2009